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Einmal Bayer, immer Bayer – Walli Fischer und ein Jubiläum der besonderen Art

Sie war gerade mal 17 Jahre alt, als sie dem damaligen Handball-Abteilungsleiter von Bayer Leverkusen ihre Kündigung auf den Tisch legte.

Walli Fischer mit Geschäftsführerin Renate Wolf - Foto Heinz Zaunbrecher„Er hat sie gelesen, mich kurz angeguckt und das Papier dann zerrissen“, erzählt Waltraud Fischer, die alle Welt nur Walli nennt, im Rückblick auf jenen Tag vor fast 60 Jahren. Damals hatten der RSV Mülheim und Düsseldorf 04 um die junge Linkshänderin gebuhlt, die trotz ihres jugendlichen Alters eine feste Größe in der ersten Handball-Mannschaft von Bayer Leverkusen war. „Du glaubst doch nicht ernsthaft, dass du uns verlässt“, hat der Abteilungsleiter dann noch gesagt, und damit war die Sache dann auch ein für alle Mal erledigt. Am 27. Januar 2013 feiert Walli Fischer nun ein Jubiläum, das in der heutigen, schnelllebigen Zeit geradezu unvorstellbar ist: Seit genau 65 Jahren ist die ehemalige Nationalspielerin 65 Jahre Vereinsmitglied.

Ihr erster Trainer Christian Gauchel hatte die zehnjährige Walli Kühl 1947 bei einem Schulsportfest entdeckt und das in Lauf und Wurf gleichermaßen talentierte Kind ins Handball-Training von Bayer Leverkusen eingeladen. Die kleine Walli, in deren Leben der Sport von Anfang an eine wichtige Rolle spielte, zögerte eine ganze Weile, ließ sich aber letztlich doch überreden. Sie kam, sah – und blieb dem Handball treu. Schon mit 15 Jahren spielte sie in der 1. Mannschaft, mit 17 besuchte sie erstmals einen Lehrgang des Deutschen Handballbundes und bestritt 1955 in Augsburg ihr erstes von insgesamt 60 Länderspielen. Damals war noch Großfeld-Handball angesagt, wie im Fußball hieß es Elf gegen Elf. Walli Kühl spielte immer im rechten Rückraum – und sie spielte immer mit und für Leverkusen. „Ich war die erste Nationalspielerin des Vereins“, erzählt sie, die eigentlich gar nicht so gerne über sich selbst redet.

Ein Tag im Leben der Leistungssportlerin Walli Fischer war genau strukturiert. „Ich habe tagsüber acht Stunden bei Bayer gearbeitet und jeden Abend trainiert“, erzählt sie. Wahlweise Handball oder Leichtathletik, denn parallel zu ihrer Sportart Nummer eins nahm die junge Frau an Wettkämpfen im Lauf- und Wurfbereich teil: „Irgendwann haben dann meine Trainer gesagt, dass ich mich mal entscheiden muss, und da war klar, dass ich beim Handball bleibe.“ Die Regeln waren streng in jener Zeit: Die Nationalspielerinnen mussten genau Buch führen über das, was sie im Training leisteten. „Die Trainer haben das unterschrieben, und dann wurde es dem Bundestrainer vorgelegt“, erinnert sie sich. Keine Unterschrift, kein Länderspiel – so einfach war das.

Als Walli Fischer ihre internationale Karriere mit der WM-Bronzemedaille von 1965 ein Jahr später beendete, war im Verein für sie noch längst nicht Schluss. Mehr als 1000 Spiele bestritt sie für Bayer Leverkusen, sie war Denkerin und Lenkerin und erzielte als wurfgewaltige Linkshänderin Tore am Fließband. „Ich war eine Wildsau“, sagt sie über sich selbst, eine, die bis an die Schmerzgrenze und, wenn es sein musste, auch darüber hinaus ging. Und die ihren Nebenleuten sehr genau während eines Spiel klarmachte, was ihre Aufgabe war. „Ich hab denen schon gesagt, jetzt läuft das mal so oder so, und wenn es dann immer noch nicht lief, bin ich auch mal deutlich geworden.“ Die Karriere endete im Frühjahr 1976, einen Tag vor dem Finale um die deutsche Meisterschaft. Im Abschlusstraining brach sich Walli Fischer einen Finger und konnte das Spiel nur noch als Zuschauerin verfolgen. Bis dahin hatte sie mit Bayer Leverkusen 1965, 1966 und 1974 die deutsche Meisterschaft in der Halle und außerdem den Titel 1973 auf dem Kleinfeld gewonnen.

Sie blieb dem Handball und Bayer Leverkusen treu. Als Betreuerin, Frauenwartin und als ständige Ansprechpartnerin, wenn Rat und Tat gefragt waren. Sie sah große Namen kommen und gehen, und sie schwärmt noch heute von der Mannschaft der 80er Jahre, die Titel am Fließband sammelte und in jener Zeit nahezu unschlagbar war. Kapitän dieses erfolgreichen Teams war Britta Vattes, für Walli Fischer „die mit Abstand beste Mittelspielerin, die dieser Verein jemals hatte. Sie hat das Spiel wirklich gelenkt und gestaltet und hat sich außerdem immer wieder sehr erfolgreich als Torschützin eingebracht.“ So viel Lob aus ihrem Mund ist eigentlich eher unüblich, das wissen auch Wallis drei Enkel Shiona (17), Shawn (13) und Shane (9), die allesamt Handball spielen. „Wenn ich nichts sage, ist das meiner Meinung nach Lob genug“, sagt Walli Fischer, doch der Stolz auf die drei Kinder ihrer einzigen Tochter ist unüberhörbar.

Im April wird Walli Fischer 76 Jahre alt, und noch immer ist der Frauen-Handball in Leverkusen ein zentraler Bestandteil ihres Lebens. An Spieltagen holt sie mittags um zwölf Uhr die frischen Brötchen vom Bäcker und fährt dann direkt in die Smidt-Arena, um das Catering für die Besucher vorzubereiten. Nach dem Spiel ist sie diejenige, die am Ende das Licht ausmacht. Viel Sport lassen die in fast 30 Jahren Leistungssport belasteten Kniegelenke heute nicht mehr zu, ein bisschen Tennis hier und da muss aber immer noch sein. Ansonsten hat sich Walli Fischer das Leben nach dem Tod ihres Ehemannes vor fast 14 Jahren ganz nach ihren eigenen Vorstellungen eingerichtet. „Wenn etwas zu tun ist, wozu ich gerade keine Lust habe, dann mache ich es eben nicht.“ Es sei denn, es geht um „ihren“ Verein. Für den ist Walli Fischer auch nach 65 Jahren kein Weg zu weit.